Teilnehmerblitzlicht Innovation Impuls #9: Was von Corona bleiben darf

Beim ersten remote durchgeführten Innovation Impuls gaben unsere Gäste von DFL, DB und Sipgate spannende Einblicke in ihre alternativen Arbeitsansätze in pandemischen Homeofficezeiten und erklärten, was sie davon künftig bewahren möchten.

Als erster Gast hat uns Alexander Altenhofen von der DFL auf eine Reise in die letzten zwei Jahre mitgenommen, die durch die Pandemie in eine besondere Herausforderung gipfelte. Denn als die DFL vor zwei Jahren die Idee hatte, eine Partnerschaft mit Amazon zu starten, um innovative neue Statistiken für die Bundesliga zu ermöglichen, dachte noch keiner an Remote-Szenarien. Die ursprüngliche Planung sah vor, vor Ort während der Bundesligaspiele viele Daten zu sammeln, die Daten aufzubereiten und zu testen und schließlich visuell für Echtzeitstatistiken zu nutzen. 40 Personen waren über 14 Monate an diesem Projekt beteiligt. Dann kam im Frühjahr 2020 der Supergau: Der Spielbetrieb wurde gestoppt und es fanden gar keine Spiele mehr statt. Es musste umgedacht werden, um selbst Testdaten zu erstellen. Die Kreativität des Teams war auf einmal ganz anders gefragt als üblich, und das mit einer remote-gesteuerten Dynamik. Wie es gelaufen ist? Gut. Als Erfolgsfaktor sieht Alex den Glauben an die Autonomie der Teams und das Vertrauen, ihnen so viel Freiraum wie möglich einzuräumen. Die Teams seien auf diese Weise bestmöglich   unterstützt worden. Und so launchten, mitten im Corona Jahr, AWS und DFL ihre Partnerschaft. Im letzten Spiel – „Bayern gegen Dortmund“ – konnten Statistiken in Echtzeit angezeigt und sowohl ins TV Signal weltweit, als auch in eine App mit einer Million Usern eingespeist werden.

Alex’ Fazit: trust the process

Der zweite Impulsspeaker des Abends war Thomas Müller von der Deutschen Bahn. Hier lagen die Herausforderungen noch einmal anders als bei seinem Vorredner Alex: Der DB Konzern ist ein großer schwerer Tanker, der vor Corona in Sachen „flexible Arbeitsplatzregelungen“ noch ganz am Anfang stand. So war die Bahn vor genau einem Jahr eigentlich gerade erst im Begriff, eine Beschlussvorlage zu erarbeiten, um Mitarbeitern eine Garantie für "selbstdisponiertes Arbeiten" (also quasi dem Arbeiten aus dem Homeoffice) an gerade mal einem Tag in der Woche zu gewähren. Dann kam Corona, und mit einem Schlag hat die Pandemie alle Beschäftigten komplett und von heute auf morgen in die remote Tätigkeit verbannt. Das Vertrauen des Bahn Managements in die remote Arbeit war zunächst nicht sehr hoch. Thomas und sein Development und Customer Experience Team hatten da, vermutlich auch themenbedingt, weniger Berührungsängste. Er hat den Teams weiterhin Freiräume eingeräumt, die Digitalteams haben weiterentwickelt. Selbst das Recruiting lief ausschließlich remote. Die virtuellen Vorstellungsgespräche waren dabei sehr erfolgreich; inzwischen hat er sogar ein virtuelles Onboarding aufgezogen. Und siehe da: Die Velocity in den Teams ist sogar nach oben gegangen. Das nimmt auch die Unternehmensführung wahr. Thomas berichtet, dass der CTO Ende 2020 bescheinigt hat, dass er nie gedacht hätte, dass das so gut funktioniert. Thomas hat seine Teams sogar permanent remote rekrutiert und war sehr erfolgreich im Einsatz mit virtuellen Vorstellungsgesprächen und hat ein virtuelles Onboarding aufgezogen.

Thomas‘ Fazit : für die Zukunft wünscht er sich, dass die Bahn den Teams weiterhin die Autonomie gewährt, für sich selbst die Rahmenbedingungen optimal zu setzen.

Unser dritter Speaker Jens Goldmann von Sipgate ist als Teil des strategischen Managements und gilt als Vordenker im Bereich der innovativen Arbeitskultur. Er berichtet von den außergewöhnlichen kulturellen Maßnahmen, die Sipgate initiiert hat und als agile Organisation voranbringt. Sipgate hat über die letzten Jahre eine besondere Präsenzkultur aufgebaut, die geprägt ist von der persönlichen Kommunikation vor Ort. Werte werden gelebt und nicht in Regelwerken fixiert. Der Campus in Düsseldorf ist ein Ort, der zur Begegnung geschaffen wurde und an dem Menschen auf besondere Weise rund um die Arbeit zusammenkommen. Und dann kam Corona. Bei Sipgate war die remote Situation von heute auf morgen zwar technisch ohne Probleme lösbar, doch die Kultur von zu Hause aus dem Homeoffice ist doch ziemlich anders. Wie seine Vorredner auch berichtete Jens, dass Sipgate die üblichen digitalen Hilfsmittel (online Whiteboard, Collaboration Sites) getestet hat, um die Zusammenarbeit zu verbessern. Das, ebenso wie die Produktivität funktionierte auch grundsätzlich gut, allerdings mit dem Wehrmutstropfen, dass einfach der Zufall fehlt, der sonst der Funken ist, der die Kreativität entzündet. Ein schönes Beispiel, wie man die geschätzte Präsenzkultur zumindest ein wenig ins Homeoffice bringen kann hatte Jens auch im Gepäck, denn die vier Köche, die zuvor im Campus für alle Mitarbeiter gekocht haben, haben nun wöchentlich ein Paket mit Zutaten verschickt zum selbst kochen. Während der Sommermonate mit entspannterem Infektionsgeschehen hat Sipgate dann auch wieder Mitarbeiter mit Abstand und im Freien auf den Campus geholt, um ihnen möglichst viel persönlichen Kontakt zu ermöglichen.

Wie auch Alex und Thomas berichtet Jens, dass das remote Arbeiten sich an sich erstmal positiv auf die Produktivität der Teams ausgewirkt hat, auch entfallende Pendelzeiten sind durchaus etwas positives. Allerdings führte die Situation auch dazu, dass gerade die Mitarbeiter ohne Familie irgendwann, quasi aus Langeweile, angefangen haben, mehr zu arbeiten. Und das tut auf Dauer niemandem gut. Vor diesem Hintergrund hat Sipgate dann das Experiment gewagt und die Arbeitszeit für einen Zeitraum von sechs Wochen auf nur 6h pro Tag bei voller Bezahlung reduziert – und damit ebenfalls gute Erfahrungen gemacht. Bezogen auf New Work sind das sicherlich sehr spannende Erkenntnisse, aus denen man viele Anschlussversuche in Sachen Produktivität, Fokussierung, aber auch Kreativität und Balance für die Zukunft ableiten kann.

Jens‘ Fazit: Man kann einiges aus dem letzten Jahr für die Zeit nach Corona mitnehmen, aber die Präsenz wünschen sich alle doch sehr zurück.

Was war, was ist und was bleibt also?

Viele Selbstverständlichkeiten aus dem Arbeitsalltag vor der Pandemie sind derzeit bei allen Gästen passé. Die zufälligen Begegnungen und Gespräche auf dem Flur oder in der Kaffeeküche, einigermaßen belastbare Planung und/oder Forecasting, gemeinsam Erfolge feiern … Die Autonomie von und das Vertrauen in die Mitarbeiter durch das erzwungene Homeoffice lässt uns jedoch auch zuversichtlich in die Zukunft schauen, denn die mitunter sogar gesteigerte Produktivität gibt diesem Paradigmenwechsel eigentlich Recht. Einige träge, wenn auch etablierte, Prozesse laufen nun automatisch viel unbürokratischer und funktionieren dennoch sehr gut. Die Entfremdung des Kollegiums ist jedoch ein Problem, für das noch niemand ein Patentrezept gefunden hat. Wird man als Arbeitgeber künftig noch viel austauschbarer als zuvor? Bröckelt das Vertrauen? Wie schaffen es Arbeitgeber, künftig einen Teil der gewonnenen Autonomie beizubehalten und dennoch das Büro als Begegnungsstätte oder „Kulturtankstelle“ zu gestalten?
Diese Fragen werden wir früher oder später auf die eine oder andere Art beantworten müssen.

Wir sind gespannt, wie unsere Kunden, Partner und wir als CI diese Herausforderung meistern. Wir freuen uns schon auf den weiteren Gedankenaustausch!