Aus dem Leben eines IT-Beraters: Von Systemintelligenz und Steuerungsillusionen

Im Laufe meiner Beratertätigkeit geriet ich immer wieder in Situationen oder wurde Zeuge solcher, wo man sich mal fragen sollte, ob das nicht in der heutigen Welt anders, nach gesundem Menschenverstand zu lösen wäre. Als Freund jeglicher, der Alltagsintelligenz folgender Arbeits- und Denkweisen kam ich bei meinen Beobachtungen und durch Erzählungen vertrauenswürdiger Quellen auf einige interessante Beispiele, anhand derer sich mögliches – Achtung BUZZWORD! - agiles Vorgehen und Handeln gut erklären und deren möglichen Nutzen praktisch aufzeigen lässt.

Die erste von mir durchlebte Beobachtung entsprang folgendem Szenario:

Kunde: Großunternehmen
Vorgehensweise der Entwicklung: Der „gefrorene“ Wasserfall
Main-Releases im Jahr: 2-4

Außer mir befinden sich ungefähr 34 weitere Teilnehmer in der Telko. Es geht um die Besprechung einzelner Findings aus der Konzept-Review Phase für ein großes Release in ca. 4 Monaten.

Die über 400 Punkte in der riesigen Excel-Datei werden nach betreffender Konzept-ID sortiert. Ich scrolle nach unten und bemerke, dass ich (erst) in schätzungsweise 1,5 Stunden "dran" sein werde. Dann nämlich etwa stehen die von mir zu verantwortende Konzepte auf dem Prüfstand.

Das kann natürlich auch - je nach Diskussionsfreudigkeit der anderen Teilnehmer - viel später der Fall sein. Insgesamt ist der Termin auf drei Stunden angelegt. Nimmt man die Teilnehmerzahl und den zeitlichen Aufwand, den sich hier offenbar 34 Personen - darunter etliche externe Berater - genommen haben, so ergeben sich Kosten i.H.v. min. 12.000 EUR.

Zumindest für die internen Teilnehmer ist das alles so gewollt: Denn die drei Stunden Telko werden systemintelligent entsprechend verbucht. Gemäß dem Motto: Ich war in der Telko nachweislich anwesend und somit nützlich. Dass dieses Format sicherlich nicht den in seiner Ur-Idee gedachten Erfolg bringt, wird dem einen oder anderen Teilnehmer sicherlich klar sein. Vielleicht sprach früher mal einiges für ein solches Vorgehen, waren die Anwendungen noch nicht so verzahnt, Systemlandschaften übersichtlicher, Prozesse einfacher und analoger etc.

Allein das gelebte Regelwerk des Unternehmens („Historisch gewachsen!“) verbietet es – so zumindest mein Eindruck - , daran auch nur ansatzweise zu rütteln. Die Illusion vom allumfassenden, perfekten und immer validen Steuerungsmechanismus, gepaart mit einem fest verankerten Arbeitsethos vergangener Tage lässt solche Eingriffe und Transformationen nur schwer bis gar nicht zu.

Agiles-Fazit:
In der agilen Welt sollte man an bestimmten Punkten vorhandene Regeln immer nach ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragen. Denn zu viele Regeln und das Überorganisieren können das Mitdenken der Mitarbeiter schlichtweg zum Erliegen bringen. Der Platz für die eigene Kreativität und Denkweise wird zusehends eingeengt, denn die Regeln an sich verhindern meiner Auffassung nach schon eine agile Sicht- und Handlungsweise.

Ein tolles Format wurde erst kürzlich hier bei CI praktiziert: Unter dem Motto „Kill the Rule“ fanden sich einige KollegInnen für eine Stunde zusammen und sammelten der Reihe nach alle möglichen Regeln, Bestimmungen und gelebte Praxis, die es zu hinterfragen gab. Darunter Dinge, die zu Zeiten, als das Unternehmen 40 Angestellte umfasste, sicherlich ihren Zweck erfüllten, aber heute gesehen schlichtweg sinnlos oder zumindest fragwürdig erscheinen.

Am Ende wurden einige Regeln direkt stillgelegt, andere Punkte für Entscheidungen freiwillig von Mitarbeitern angegangen, oder aber für die Entscheider transparent gemacht, mit der Bitte es anzugehen.

(PS: Dass in dem oben genannten Telko-Termin natürlich nicht alle geplanten Topics angesprochen/gelöst werden konnten, ist selbsterklärend. Es kam zu einem 2-stündigen Folgetermin.)