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Schöne neue Arbeitswelt

Im Rahmen der New Work Bewegung hat sich einiges verändert: Homeoffice statt Büro, Vertrauensarbeitszeit statt Nine to Five, Scrum statt starrer Hierarchien. Der Mensch rückt in den Mittelpunkt. Selbstverwirklichung, Identifikation mit der eigenen Arbeit und der Wunsch nach Sinnhaftigkeit sind zu zentralen Werten geworden. Mehr Freiheiten haben aber auch dazu geführt, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen. Emotionen sowie persönliche Krisen sind nicht mehr nur reine Privatangelegenheit. 

Als Recruiterin bin ich regelmäßig auf LinkedIn aktiv. Die Plattform wird längst nicht mehr nur genutzt, um Kontakte zu alten Kolleginnen und Kollegen zu pflegen oder neue Geschäftsverbindungen zu knüpfen. Inzwischen finden sich auf dem sozialen Netzwerk regelmäßig Beiträge, in denen Menschen offen über Burnout oder Krebs-Diagnosen erzählen. Doch auch wenn diese teils sehr persönlichen Berichte immer häufiger werden, bilden sie dennoch Ausnahmen in der Beitragsflut. In unserer Leistungsgesellschaft spricht man nach wie vor nur ungern über Emotionen, Schwächen oder sogar Ausfälle. „Das ist unprofessionell!“ 

Ein Tabuthema am Arbeitsplatz

Ich erinnere mich an ein Beispiel aus einem meiner ersten Vorstellungsgespräche. Nach dem Abitur war ich auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Ein auf psychologische Fachbücher spezialisierter Verlag bot eine spannende Option an und ich wurde zum Interview eingeladen. Auf die Frage, wie ich auf das Unternehmen aufmerksam geworden sei, antwortete ich wahrheitsgemäß, dass ich Werbematerial des Verlages gesehen hatte, als ich als Jugendliche bei einem Psychotherapeuten im Wartezimmer gesessen hatte. Die darauffolgende Absage wurde mit dem Satz unterstrichen: "Über so etwas spricht man nicht im Berufsleben!"

Statistik: Erwerbsunfähigkeit nach Diagnosen

Probleme müssen draußen bleiben ...

... aber geht das auch?

Jedoch dürften die wenigsten in der Lage sein, beim Betreten des Büros bzw. beim Einschalten des Laptops ihre privaten Sorgen abstreifen zu können wie ihren Mantel. Die zum Pflegefall gewordenen Eltern, finanzielle Schieflagen oder auch jüngst Pandemie, Krieg und deren Folgen beeinflussen uns und unsere Leistung. 

Fakt ist, dass psychische Störungen seit Jahren der häufigste Grund für Langzeit-Arbeitsunfähigkeit und frühzeitige verminderte Erwerbsfähigkeit sind. Überlastungen vorzubeugen, liegt also im Interesse aller Beteiligten. Nur was tun? Mit dem Mindset „darüber spricht man nicht“ löst man das Problem keinesfalls. Erst wenn Betroffene sichtbar werden und ihre Geschichte erzählen, teilen sie Informationen, die für andere wichtig und hilfreich sein können. Ich bewundere jedes Mal den Mut der Autorinnen und Autoren, die öffentlich auf LinkedIn von ihren persönlichen Schicksalen berichten. Ich selbst habe diesen Mut bisher nicht gehabt; nur wer mein Profil aufmerksam liest, findet den Hinweis auf meine überstandene Krebs-Erkrankung. 

"Sie sind eigentlich noch viel zu jung für diese Diagnose!”

Ziemlich genau sechs Jahre ist es jetzt her, dass ich den Befund erhielt. Die einhellige Meinung der Ärzte? “Eigentlich sind Sie noch zu jung für diese Diagnose!”. Leider hatte mein Körper davon offenbar noch nichts gehört. Im einen Moment bestand mein Alltag noch aus der Vollzeitbeschäftigung und einem berufsbegleitenden Studium, was ebenfalls enormer Stress und zweifelsohne eine Belastung sein konnte. Im nächsten Moment wurde ich jäh aus eben jenem Alltag gerissen und tauschte diesen gegen tägliche Arztbesuche, wo mich zigfache Untersuchungen und eine kombinierte Chemo- und Bestrahlungstherapie erwarteten. Circa sechs Wochen ging es fast täglich auf die „große Sonnenbank“ (aka der Linearbeschleuniger) und in der ersten und letzten Woche bekam ich Cocktails (Zytostatika), die mich umhauten. Klingt nach Urlaub? Etwa ab der dritten Woche gehörten Übelkeit und Magen-Darmkrämpfe zu meinem Alltag.   

Als ob die Krankheit und ihre körperlichen Folgen nicht schon schlimm genug gewesen wären, gesellten sich aber noch weitere Herausforderungen dazu. Der Bezug von Krankengeld beispielsweise ist mit organisatorischem und administrativem Aufwand verbunden. Sich damit herumzuschlagen, während einem permanent übel ist, ist so ziemlich das Letzte, was man in der Situation noch gebrauchen kann. Hallo Bürokratie!  

Rund vier Monate war ich damals arbeitsunfähig. Seitdem ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen. Die Folgen meiner Erkrankung und ihrer Behandlung sieht man mir äußerlich nicht an. Aus Sicht der Schulmedizin bin ich geheilt. Leider ist das Angebot für cancer survivor in Deutschland hinsichtlich weiterer Betreuung und Austausch von Krebsüberlebenden untereinander recht überschaubar. Mir bekannt ist die Selbsthilfegruppe “Leben nach Krebs e.V.”, das “Netzwerk statt Krebs” der Frauenselbsthilfe Krebs sowie die German Cancer Survivors Week

Alltagsfragen klären, bevor sie zum Problem werden

Was können aber nun Arbeitgeber tun, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen möchten?

Auf die vielfältigen Möglichkeiten der betrieblichen Gesundheitsförderung umfassend einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen. Wie so oft gilt auch hier: Vorsorge ist besser als Nachsorge, wobei die Vorsorge für mein Verständnis bereits mit der Unternehmenskultur anfängt. Gelebte Werte wie Gleichberechtigung, Transparenz, Vertrauen und Kommunikation auf Augenhöhe sind Voraussetzungen für optimale Arbeits- und Organisationsbedingungen, in denen Beschäftigte sich wohl fühlen und gerne Leistung erbringen, ohne sich dauerhaft gestresst zu fühlen. 

Wie das Beispiel meiner Krebs-Diagnose zeigt, kann es trotz aller Vorsorgemaßnahmen und unabhängig von jeder Unternehmenskultur zu kritischen Situationen kommen. Das Leben passiert nunmal, so abgedroschen das auch klingen mag. Natürlich müssen diese nicht immer so dramatisch und schwerwiegend sein, und selbstverständlich können Führungskräfte und Personalabteilung unmöglich auf alle Anliegen vorbereitet sein und eine Lösung parat haben. Um dennoch eine Anlaufstelle anbieten zu können, kann ein Employee Assistance Program – kurz EAP – sinnvoll sein. Hierbei handelt es sich um einen Dienstleister, der allen Betriebsangehörigen und teilweise auch deren Familienmitgliedern bei einer umfassenden Palette an möglichen Problemen helfen kann. Die Anwendungsfälle können im direkten beruflichen Kontext stehen, sie können aber auch mit Partner, Familie, körperlicher Gesundheit, Recht und Finanzen und vielem mehr zu tun haben. Bei Bedarf ruft man dort (auf Wunsch anonym) an und wird nach einer kurzen Abfrage des Anliegens an passende Berater*innen und Expert*innen weitergeleitet. Für beispielsweise psychosoziale Probleme wird man dann an Psycholog*innen oder auch Sozialarbeiter*innen vermittelt, für juristische Fragestellungen an Jurist*innen, etc. Das entlastet nicht nur die Hilfesuchenden, sondern auch die Führungskräfte und trägt positiv zum Stressmanagement der Beschäftigten bei. 

Bei CI hat man sich entschieden diese Anlaufstelle anzubieten und damit das bestehende Angebot offener Türen der Geschäftsführ*innen und unsere Vertrauenspersonen zu erweitern. Unser Anbieter INSITE hilft gemäß dem Motto "Klärt Alltagsfragen, bevor sie zum Problem werden". Und wenn doch mal etwas passiert, unterstützt er alle Beteiligten. 

Nach dem, was ich erlebt habe, gibt es mir ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich im Falle eines Falles jemanden habe, an den ich mich wenden kann. Ein solches Angebot, vor allem die professionelle Begleitung in Krisensituationen und die Hilfe bei all den Formalitäten, wäre vor sechs Jahren eine riesige Erleichterung gewesen. Zudem bin ich froh, nicht mehr das Gefühl zu haben meine Erlebnisse geheim halten zu müssen. Wenn meine Geschichte auch nur einem weiteren Menschen geholfen hat, dann ist mir das schon viel wert.