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Digitale Transformation im Klinik-Dschungel

Teilnehmerblitzlicht zum Innovation Impuls #18

Wie digital ist die Spitzenmedizin wirklich? Dieser Frage gingen wir beim Innovation Impuls am 8. Oktober 2025 auf den Grund – mit einem Thema, das aktueller kaum sein könnte: Digitalisierung im Klinik-Dschungel.

Zu Gast war Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Scheid, Professor für Innere Medizin an der Uniklinik Köln und Leiter der Stammzelltransplantation. Gemeinsam mit Monika Kondmann, Geschäftsführerin bei Cologne Intelligence, nahm er uns mit auf eine faszinierende und manchmal zunächst ernüchternd erscheinende Reise zwischen Hightech-Medizin, regulatorischen Anforderungen und ganz praktischen Digitalisierungs-Hürden.

Vom Labor zur Heilung – und wieder zurück ins Rechenzentrum

Foto von Michael Daun
Michael Daun

Lead Consultant - Advanced Analytics

Professor Scheid berichtete anschaulich vom CAR-T-Zell-Verfahren, bei dem körpereigene Immunzellen gentechnisch so verändert werden, dass sie Krebszellen gezielt erkennen und bekämpfen können. Die Aufarbeitung der entnommenen Zellen erfolgt üblicherweise in Amerika, was die Therapie von einem aufwendigen logistischen Prozess abhängig macht, der ca. sechs bis acht Wochen dauert. 

Die Uniklinik Köln bemühte sich seit 2019 darum, diese Zellen für bestimmte Patient*innen selbst herzustellen, um den Prozess zu beschleunigen, aber auch, um aufgrund der beim Herstellungsprozess gewonnenen Daten und Erkenntnisse die Behandlungsergebnisse besser zu verstehen und nachfolgend zu optimieren.

Doch an diesem Abend ging es nicht nur um die medizinische Innovation, sondern um die Digitalisierung der dazugehörigen Prozesse. Denn: Mit der gentechnischen Veränderung der entnommenen Zellen wurde aus dem kleinen Labor in Lindenthal ein Medizinproduktehersteller, der die gleichen strengen GMP-Regularien („Good Manufacturing Practice“) erfüllen muss, wie ein weltweit operierender Pharmakonzern. 

Das Ziel war also ehrgeizig – und ganz im Sinne unserer CI-Unternehmensvision: Mit nachhaltiger Digitalisierung verändern wir die Welt von morgen. Und das heißt eben auch: Prozesse von Anfang an digital denken, statt sie in dutzenden von Aktenordnern zu dokumentieren.

Vom USB-Stick bis Windows Embedded 8

Monika Kondmann, die als IT-Koordinatorin in diesem Projekt eine zentrale Rolle bei der Digitalisierung spielte, berichtete eindrucksvoll von den praktischen Herausforderungen, diesen Anspruch umzusetzen.

Schon die vier entscheidenden Medizingeräte, die bei der Herstellung zum Einsatz kommen, erwiesen sich als digitale Stolpersteine: Ein Gerät kommunizierte nur über ein proprietäres Protokoll, ein zweites besaß keinerlei Schnittstelle nach außen, das dritte lief auf einem veralteten Windows Embedded 8, das aus Sicherheitsgründen nicht ins Netzwerk durfte, und das vierte druckte seine Daten lieber aus, als sie digital bereitzustellen.

Die Zuhörer*innen konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen – und manchmal auch nur ungläubig den Kopf schütteln: Man kann also körpereigene Zellen so „programmieren“, dass sie Krebszellen vernichten, aber an die Daten, die dabei ohnehin entstehen, kommt man nur mit einem USB-Stick oder über den Umweg des Druckers?

Kein Witz – genau so läuft es in vielen Laboren tatsächlich.

Zwischen Hightech und Handarbeit

Am Ende ließ sich die vollständige Digitalisierung des Herstellungsprozesses nicht wie geplant realisieren. Und natürlich war klar: Die sichere Herstellung der Zellen hat immer Vorrang vor jeder IT-Architektur.

So gibt es heute im Projektbüro tatsächlich doch eine Reihe von Aktenordnern. Aber – und das ist entscheidend – es gibt ebenso eine behördliche Zulassung der Bezirksregierung und erste erfolgreich behandelte Patient*innen.

Die digitale Reise ist damit keineswegs gescheitert, sondern hat vielmehr gezeigt, wie vielschichtig Digitalisierung im Gesundheitswesen wirklich ist.

18. Innovation Impuls im Büro von CI. Blick von hinten auf Publikum und Moderator

Snacks, Drinks – und ganz neue Perspektiven

Nach dem Vortrag wurde bei kühlen Getränken und leckeren Snacks intensiv weiterdiskutiert. Und dabei weitete sich der Blick noch einmal in ganz besonderer Weise, weil viele Gäste mit diesem oder vergleichbaren Projekten vertraut waren und vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung spannende Einblicke gewährten.

  • Eine Universitätsklinik ist nicht nur ein großes Krankenhaus. Sie besteht aus Dutzenden Kliniken, Instituten und Forschungseinheiten, die auf prozessverwöhnte IT-Dienstleister manchmal auch wie kleine Fürstentümer wirken können, die in einem komplexen Netzwerk aus individuellen Zuständigkeiten, Drittmittelprojekten, Budgettöpfen und historisch gewachsenen Strukturen stecken.
  • Frage aus dem Plenum: „Warum nimmt man dann nicht einfach ein anderes Medizingerät?“ – Auch das ist leider nicht so einfach. Viele dieser hochspezialisierten Geräte sind für sehr spezifische Laborprozesse entwickelt worden – mit jahrzehntelang validierten Verfahren, die man nicht ohne Weiteres austauschen darf. Der Markt ist klein, die Zahl der Anbieter überschaubar, und Wettbewerb findet kaum statt. Entsprechend gering ist der Druck, moderne Schnittstellen oder offene Datenformate anzubieten.
  • Oder der Aspekt des Datenschutzes: Eine Gewebeprobe muss jederzeit eindeutig einer Person zugeordnet werden können – gleichzeitig darf sie in der Forschung nicht mehr personalisierbar sein. Pseudonymisierung und Anonymisierung sind daher nicht nur technische, sondern auch organisatorische Herausforderungen, die IT und Medizin eng verzahnen müssen.
     

Digitalisierung heißt auch: Geduld haben

Mehr zu unserer Arbeit bei der Uniklinik Köln könnt ihr in unserer Referenz erfahren:

Trotz aller Hürden ist das Projekt ein Erfolg – und zwar auch digital.

Die Dokumentation der Arbeitsschritte wird zum Ende des Jahres vollständig digital erfolgen, inklusive elektronischer Signaturen. Die Validierung der entsprechenden computergestützten Systeme ist in vollem Gang. Hier hat das Team im Labor für Zelltherapie trotz der hohen GMP Anforderungen einen effizienten Weg gefunden, die Regulatorik schlau und effektiv zu nutzen und Prozesse dadurch zu verbessern, statt sie als Verhinderer zu sehen.

Vor allem aber ist etwas entstanden, was man mit keinem Budget kaufen kann:

Ein gemeinsames Verständnis aller Beteiligten. Klinik-IT, Gerätehersteller, Zulassungsbehörden und die medizinischen Fachleute ziehen inzwischen an einem Strang. Das Projekt hat sie zusammengebracht und aus anfänglichen Einzelkämpfern ein Team gemacht. Die Digitalisierung ist noch nicht abgeschlossen, die nächsten Schritte scheinen aber wesentlich machbarer! Und das trotz – oder gerade wegen! – der zuvor gemachten Erfahrungen.

Mein Impuls des Abends

Was bleibt also hängen nach diesem spannenden Abend? Vor allem die Erkenntnis, dass Digitalisierung – gerade in so hochregulierten Bereichen – nie so einfach ist, wie sie auf PowerPoint-Folien aussieht. Es gibt immer Gründe, warum Dinge (noch) nicht digital sind. Und wer vorschnell „Typisch Bürokratie!“ ruft, macht es sich zu leicht.

Inspirierend für mich auch immer der Blick hinter die Kulissen: zu verstehen, warum manche Prozesse so funktionieren, wie sie funktionieren – und wie man sie Stück für Stück verbessern kann.

Der Abend hat eindrucksvoll gezeigt, dass Digitalisierung nicht bei Software oder Daten endet, sondern bei Menschen, Prozessen und Vertrauen beginnt. Auch hier gilt: „Culture eats strategy for breakfast!“ Und manchmal ist ein kleiner USB-Stick ein großer Schritt auf einem langen Weg.