Seit 2019 arbeite ich als Agile Coach bei der Cologne Intelligence. Mal begleite ich ein einzelnes agiles Team, mal unterstütze ich als Scrum-Master-Vertretung, mal bewegen wir uns eine Flughöhe höher und koordinieren mit einem eigens gebildeten Change Team eine ganze Abteilung auf dem Weg ins agile Arbeiten. In den letzten Monaten hat sich für mich ein Thema in den Vordergrund geschoben, das meine eigene Arbeit genauso verändert wie die der Teams, mit denen ich arbeite: Künstliche Intelligenz.
Wer KI einführt, löst damit kein reines Technologieproblem. Es geht darum, wie wir miteinander arbeiten, wie wir Arbeit überhaupt verstehen und was wir künftig als wertstiftende Arbeit ansehen. Das ist ein Stück Kulturwandel, und Kultur lässt sich nicht installieren wie eine Software.
Diese Verschiebung spüre ich auch in meiner eigenen Rolle. Früher wie heute sind meine Aufgaben zwar ähnlich – heute geht es aber noch viel stärker darum, Kommunikation aufrechtzuerhalten, Konfliktfähigkeit herzustellen, also Konflikte überhaupt erst besprechbar zu machen, und den Fokus zu halten, während ein Team neues Terrain betritt.
Was mich dabei besonders umtreibt, ist die Gefahr, dass jeder in seiner eigenen Welt mit der KI versinkt und das Team auseinanderdriftet. Deshalb stelle ich im Team regelmäßig dieselben Fragen: Wo stehen wir gerade alle? Haben wir ungefähr den gleichen Wissensstand? Kennen wir die Spielregeln und unseren Handlungsspielraum? Und worauf wollen wir uns einigen, wenn es um den Umgang mit KI geht? Es reicht nicht, dass Einzelne produktiver werden – ein Team bleibt nur stark, wenn es gemeinsam entscheidet, nicht nebeneinanderher.
„KI macht uns schneller, also schaffen wir jetzt mehr und liefern mehr Produkte aus.“ Dieser Denkfehler hält sich hartnäckig und sorgt dafür, dass man sich am Ende nur mehr auf den Teller packt. So funktioniert es aus meiner Sicht nicht, es überfordert letztlich nur das Team. Stattdessen sollte es darum gehen, dass KI bestimmte Aufgaben, zum Beispiel die Fleißarbeit, übernimmt, und genau dadurch Raum schafft für das, was sonst regelmäßig liegen bleibt: zu experimentieren, neue Lösungswege auszuprobieren, gemeinsam kreativ zu werden. Den richtigen Umgang damit beschreibe ich gern so: Wir sollten im Team bewusst entscheiden, was wir automatisieren und was bewusst menschlich bleibt.
Dabei bleibt wichtig, immer wieder hinzuschauen, ob die Ergebnisse tatsächlich passen – denn die KI hat letztlich keine eigene Moral und keine eigenen Werte. Sie führt aus, was wir ihr im jeweiligen Kontext vorgeben. Den eigenen Kopf einzuschalten und der eigenen Erfahrung zu vertrauen, bleibt unsere Aufgabe.
Wie lässt sich mit der Unterstützung von KI wirklich besser entwickeln? Darüber hat Maren auch in unserem Podcast gesprochen. Hier kommt ihr zur Folge:
Die Unsicherheit lässt sich nicht wegmoderieren. Mein Anspruch ist deshalb nicht, Unsicherheit verschwinden zu lassen, sondern sie für jede und jeden Einzelnen händelbar zu machen.
Das gelingt über Leitplanken, über die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und darüber zu sprechen sowie über eine gute Fehlerkultur. Ein Teil der Unsicherheit bleibt, aber das Team bleibt handlungsfähig. Letztere ist für mich der eigentliche Maßstab.
Greifbar wurde das Thema für mich besonders in einem Kundenprojekt, in dem zum Agentic Engineering übergegangen wurde. Dort habe ich viel darüber gelernt, welche Hindernisse bei der Umstellung auftauchen können und womit man sich beschäftigen muss. Genauso spannend war die Frage, wie ich als Coach selbst von KI profitieren kann – etwa, um Ideen zu entwickeln oder das Team gezielt zu unterstützen. Dabei habe ich eng mit agilen Kolleg*innen zusammengearbeitet, die bei der KI-Nutzung ganz vorne mit dabei waren und sind. Gemeinsam herauszufinden, welche Möglichkeiten sich eröffnen, macht Spaß, fordert einen heraus und eröffnet neue Perspektiven für die Arbeit in Kundenprojekten.
Unternehmen sollten Rahmen und Sicherheit für die Nutzung von KI schaffen, etwa im Rahmen von Compliance und Governance. Der EU AI Act gehört für mich klar dazu. Es muss deutlich werden, was im Umgang mit KI geht und was nicht, unterstützt durch Weiterbildung der bestehenden Belegschaft und gezieltes Hiring. Mein Rat: kleine Schritte gehen und nicht erwarten, dass KI von heute auf morgen alles besser macht.
Für die nächsten ein bis zwei Jahre erwarte ich, dass KI ein fester Bestandteil unseres Arbeitslebens wird. Am wichtigsten wird die saubere Nutzung sein: Was passiert mit den Daten, die wir eingeben, und wofür werden sie bei den Unternehmen genutzt, die sie erhalten? Gleichzeitig kann KI die administrative Last senken, was verändert, welche Aufgaben wir selbst übernehmen und welche die KI übernimmt. Es entsteht Freiraum, an den wir uns erst gewöhnen müssen, denn Kreativität kommt nicht auf Knopfdruck. Genau diesen Übergang zu begleiten – durch Moderation, Facilitation und gezielte Interventionen – wird für mich in den nächsten Jahren eine der großen Aufgaben meiner Rolle sein. Auf sie freue ich mich.